Renate Luckner-Bien

Herzensangelegenheiten

 

Sofort nach dem Abitur studieren und das Studium – ein paar Auslandssemester eingeschlossen –

möglichst rasch beenden. So sieht Karriereplanung heute aus. Für Künstlerinnen und Künstler

warund ist das niemals der richtige Weg. Sie brauchen Zeit – nicht nur für den Erwerb handwerklicher

Kenntnisse und für die Entwicklung der eigenen Urteilsfähigkeit, sondern eben auch und vor allem

für das Sammeln von Lebenserfahrungen. Nur so kann der Versuch, anderen etwas von Belang mitzuteilen,

gelingen. Deshalb ist der vergleichsweise lange Weg, der Christine Matthias zum Schmuckmachen

führte, mit Sicherheit kein Umweg gewesen.

 

Nach dem Abitur macht Christine Matthias eine kaufmännische Ausbildung. Nach kurzer Berufstätigkeit

absolviert sie ein Praktikum in einer Tischlerei, um anschließend  Innenarchitektur an der

Fachhochschule Hannover zu studieren. In dieser Zeit beginnt sie, sich für Schmuck und Schmuckmachen

zu interessieren. Mit guten Gründen bewirbt sie sich um einen Studienplatz in Halle: Die hallesche

Kunsthochschule auf Burg Giebichenstein bietet ihr ein qualifiziertes und systematisches künstlerisches

Grundlagenstudium und zudem die Möglichkeit, ihre handwerklichen Fertigkeiten zu schulen.

In Dorothea Prühl findet sie eine Lehrerin, die ihr Zeit zum Ausprobieren und zum Nachdenken gibt.

Dorothea Prühl zeigt ihr, dass Kunstmachen Arbeit ist und dass perfekte Lösungen das Ergebnis

eines langen Weges sind.

 

Christine Matthias hat das Glück zu studieren, als die Klasse Dorothea Prühl mit der Ausstellungsreihe 

 „Feldversuch“ in der Galerie Marzee in Nijmegen präsent ist. Sie ist in diesen, von 1998 bis 2002 jährlich

dort stattfindenden Ausstellungen vertreten. So kann Marie-José van den Hout, die sich mit ihrer

 Ausstellungs- und Sammlungstätigkeit um die Förderung des künstlerischen Nachwuchses verdient macht,

 Christine Matthias’ Entwicklung von Anfang an verfolgen und verleiht ihr schließlich 2008 den Marzee-Preis.

 

Der Schlüssel für das Verständnis der Arbeiten von Christine Matthias liegt in der Dualität von Verbergen

und Offenbaren. Es sind zwei Werkgruppen, in denen dieses Grundthema ganz deutlich erscheint:

die von ihr auch „Herzstücke“ genannten Klappobjekte und Medaillons von 2002 und die Gruppe der sieben

großen Broschen aus den Jahren 2006 bis 2008. Alles davor und dazwischen Entstandene lässt sich

dem exemplarisch zuordnen.

 

Die Klappobjekte sind kleine, aus dünnem Silber- oder Goldblech gebaute Kästen. Diese Behältnisse 

sind autonome Objekte oder amulettartige Anhänger. Sie lassen sich öffnen, und ihr Charme

zeigt sicherst in der Handhabung. Die Kästchen bergen mehr oder weniger chiffrierte Botschaften ganz

persönlicher Natur. Und doch bleibt deren Deutung für jeden offen. Ein Kästchen ist leer. Hier ist

das „Herzstück“ eine Imagination. In den scherenschnittartig durchbrochenen Flächen eines anderen

Kästchens finden sich Linien und Markierungen von Wegekarten – Hinweise auf magische Orte,

die es in jedem Leben gibt. In einem Amulett aus Gold erkennt man schemenhaft ein porträtähnliches

menschliches Gesicht, gebildet aus einer Vielzahl aufgestellter, kurzer Drahtstücke. Das Gesicht

zerfließt, wenn sich der Betrachtungswinkel ändert. Gepunzte Strukturen auf den Flächen von Medaillons

erinnern an Textseiten alter Bücher. Wie Metaphern auf Seinszustände wirken die fein gravierten und

niellierten skizzenhaften Zeichnungen. Die Scharniere haben nichts Dramatisches, die Klappen lassen sich

leicht öffnen und fallen ohne Widerstand in die Passform. Sie ermutigen zu spielerischer Handhabung.

 

Alle Arbeiten von Christine Matthias sind bestimmt von der Linie. Von ihr ausgehend entwickelt sie die

plastische Dimension der Stücke und akzentuiert mit grafischen Strukturen deren Binnenform.  

Das wird auch bei der Werkgruppe der großen Broschen deutlich. Thema und Motiv fand Christine Matthias 

in der eigenen Familiengeschichte. „Im Besitz meiner Familie“, so Christine Matthias, „befindet sich 

eine große Brosche, die so genannte Spange, die Teil der bäuerlichen Festtagstracht im südlichen

Niedersachsen ist. Sie gehörte meiner Großmutter, die ihr Leben lang Tracht getragen hat.

In der Generation meiner Großmutter erhielt ein Mädchen im jugendlichen Alter die regional typische

Ausstattung, Kleidung und Schmuck, die es als Erwachsene auswies und die zu festlichen oder zeremoniellen

Anlässen angelegt wurde. Dazu wurde die Brosche, eher ein Brustschild, angefertigt und mit den Initialen

der jungen Frau versehen.“

 

Wie schon bei den Medaillons ist auch bei den Spangen der Ausgangspunkt eine persönliche Fragestellung:

Was macht mich aus? Wo sind meine Wurzeln? Wie sieht zwei Generationen später eine Brosche aus,

deren Format und Grundform ich übernehme? Bezeichnend sind der knappe Rand eines achteckigen Rahmens

und die stabilisierende Wölbung der großen runden Innenform.

 

Das Ergebnis ist weit mehr als ein Zitat. Es sind zeitgenössische Interpretationen. Sie sind ihrem Urbild

dennochverblüffend nahe. Sie tragen die Signaturen individueller Aneignung und lassen sich, darin unterstützt

durch das große Format, als Zeichen stolzer Selbstdarstellung tragen.

 

Die Arbeiten von Christine Matthias sind unprätentiös und großzügig – und entsprechen damit genau den

Intentionen der Künstlerin. Die spröde Poesie der Bildsprache richtet sich sowohl an die sinnliche

Wahrnehmung als auch an die rationale Interpretation. Ohne jeden Anflug von sentimentaler Offenbarung sind

Christine Matthias’ Arbeiten kleine Altäre der Erinnerung, Verbindungsstücke zwischen Vergangenheit

und Gegenwart. 

 

 

 

 

Matters of the Heart

 

Take up your studies immediately after school and finish them as fast as you can, including

a number of semesters in a foreign country. This is career management today. However,

it is not the right way for an artist. An artist needs time – not only to acquire craft skills and

develop his or her critical judgement, but also to gather experience in life. Without that,

he or she will not be able to convey something relevant through art. Christine Matthias´ way

into jewellerymaking was comparatively long but it was certainly not a detour.

 

After school, Christine Matthias completed a business training. She took up working but soon

began a practical in a carpentry, then studied Interior Design at the Fachhochschule Hannover. 

It is in this period that she became interested in jewellery and jewellerymaking. Now she

had reason to apply for a study course at Burg Giebichenstein in Halle: This university of art 

 and design offered her a qualified and systematic artistic foundation course as well as the

possibility to train her practical skills. Dorothea Prühl, her professor at the jewellery department,

gave Christine the time to experiment and to consider things. Professor Prühl showed her

that art is hard work and that the way to find a perfect solution is often very long.

 

Christine was lucky to study at a time when Professor Prühl´s class had an ongoing series of

exhibitions called Feldversuch (Field Trial) at Galerie Marzee in Nijmegen (the Netherlands).

Her work was presented in these exhibitions that took place every year between 1998 and 2002.

Marie-José van den Hout curated the exhibitions and collects herself, thus giving the developing

jewellery artists a platform. She had followed Christine Matthias´ development from the

beginning; in 2008, she awarded her the Marzee Prize.

 

The duality of concealment and revelation plays a key role in understanding the works of

Christine Matthias. This concept becomes particularly evident in two groups of works she calls

 Herzstücke (Heart Pieces): The medaillons and hinged objects from 2002, and the group

of seven big brooches from 2006 to 2008. What she made before and in between, can be

exemplarily assigned to these groups.

 

The hinged objects are small boxes from thin silver or gold sheet. They can be seen as

autonomous objects or as amulet-like pendants. They can be opened, and their congeniality

only comes out in the handling. The little boxes contain more or less coded messages of a

very personal nature. However, we are free to interpret them in our own way. One of the boxes

is empty; now it is for the viewer to imagine the Heart Piece. The walls of another box are

opened in a silhouetted manner, and there are map lines and markings inside – leads to the

magic places that exist in everyone´s life. On one golden amulet, we can see the vague

outlines of the portrait of a human face, made from a multitude of short, mounted pieces of wire.

As the viewing angle changes, the face dissolves. Punched structures on the surfaces of

medaillons remind of text pages of old books. And there are sketch-like drawings that are finely

engraved, some of them with niello applications: they can be seen as metaphors for states

of existence. The hinges have nothing dramatic about them; they can be easily moved and fall

into place effortlessly. That way, they encourage a playful handling.

 

All of Christine Matthias´s works are defined by lines. The plastic dimensions of the pieces

are developed from lines, and graphic structures accentuate the forms within. This also

becomes evident when we look at the big brooches. She found the topic for the brooches in

her own family history. "Amongst the possessions of my family", she writes, "there is a

big brooch called 'die Spange'. It was once part of the rural festivity dress of Southern Lower

Saxony. My grand­mother wore traditional dress all her life, and it was her brooch. When my

grandmother was young, each girl got her own typical regional dowry, dress and jewellery

with which she could demonstrate that she was now an adult and which she wore on festive

days and at ceremonious occasions. The brooch, rather a breast-plate, was especially made

and had the initials of the young woman on it."

 

As in the medaillons, these Spangen were developed from a personal question: what defines

me? Where are my roots? What form can I find for such a brooch, two generations later,

if I start out with the basic form and size? An octagonal frame and the big concave inner form

are characteristic elements.

 

The results are much more than a quote. They are contemporary interpretations, and,

at the same time, surprisingly close to the original. They bear the signs of a personal approach.

Supported by the large format, they can be worn as a sign of proud self-presentation.

 

Christine Matthias´ works are unpretentious and generous – and in this clearly correspond

with her artistic intentions. The dry but poetic visual language is directed at sensual perception

as well as at rational interpretation. There is not the smallest trace of sentimental revelation;

rather, her works are small altars of remembrance, links between past and present.

 

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